Alles Customizing, Parametrisierung, Standard, Individualisierung oder was?

Bei vielen Einführungen einer ERP Lösung habe ich es erlebt, dass der Kunde fragt: Kann man das anpassen? -> Die Antwort ist meistens, ja kann man. Die Rückfrage an den Kunden: „Sind Sie sich der Konsequenzen der Anpassung bewusst?“ wird leider nicht sehr oft gestellt.

Der Anbieter kann zum einen den Anwender zufriedenstellen, zum anderen kann er damit Geld verdienen (beim Erstellen, beim Unterhalt und bei Migrationen noch einmal).

Was heisst Standard, Customizing, Individualisierung für mich?

Standard
Nutzen der Software ohne Anpassungen. Ich benutze die von der Software vorgegebenen Prozesse, Abfragen und Auswertungen.

Customizing (auch Parametrisierung)
Mit dem Customizing, wird die Software so eingestellt, dass die Bedürfnisse der User abgebildet werden. Für mich sind dies z.B. Prozesse, Suchbefehle, Auswertungen, Felderbezeichnungen, Freigabeprozeduren, Maskenanpassungen, Formulare, etc. Durch solche Anpassung wird die Standard-Software für den User so konfiguriert, dass die Software den Anforderungen der Firma entspricht. ERP Lösungen bieten hier sehr viele Möglichkeiten an.

Vorteile von Customizing: Ich kann meine Bedürfnisse in der Software abbilden. Die Rechnung erscheint in meinen CI. Die nicht genutzten Felder sind ausgeblendet, etc.

Nachteile: Der Support wird schwieriger, da diese Anpassungen kundenspezifisch sind. Die Migrationen werden teurer, da die Funktionen geprüft werden müssen.

Individualisierung:
Für mich sind Individualisierungen das Entwickeln von kompilierbarem Code. Erstellen von Funktionen die nur für einen Kunden, resp. eine Installation geschrieben werden. Dies kann z.B. das Abbilden von speziellen Prozessen sein. Oder das Entwickeln einer Schnittstelle. Oder ein spezielles Programm zum Verwalten von Daten die innerhalb der Standard-Software nicht erfasst werden können.

Solche Individualisierungen haben den Vorteil, dass genau die Kundenbedürfnisse abgebildet werden. Dies kann beim Kunden zu einem Wettbewerbsvorteil werden. Wenn ich durch die Anpassung schneller liefere, meine Kunden besser bewirtschafte, meine Prozesse automatisiere oder weniger Ressourcen für das Abwickeln meiner Prozesse benötige, dann kann ich mich dadurch gegenüber von meinen Mitbewerbern abheben.

Der Nachteil liegt im Unterhalt. Meistens kennen nur wenige Personen diese Entwicklungen. Bei Personalrotationen geht Wissen verloren, bei Updates kann es sogar dazu führen, dass die Individualisierung neu entwickelt werden müssen.

Wann macht es Sinn, den Standard zu verlassen ?
Die Faustregel für mich ist: Habe ich als User einen Wettbewerbsvorteil mit dieser Anpassung? Wenn ja, so muss eine Umsetzung detailliert geprüft werden.

Wenn nein, so ist es eher eine Komfort-Funktion. In diesem Fall empfehle ich, zuerst mit dem Standard zu arbeiten und einige Monate später den Punkt nochmals aufzugreifen und dann prüfen, ob die Anpassung notwendig ist. –> Dies kann man häufig auch mit vielen Customizing-Punkten machen, nicht nur mit Individualisierungen.

Bin ich wirklich besser als meine Mitbewerber, wenn ich auch nach der Telefonnummer des Kunden suchen kann? Wie oft brauch ich das wirklich? Muss in meine Bilanz im Hochformat sein oder kann ich mit dem Querformat des Anbieters arbeiten?

Ein Beispiel aus der Praxis
Leider hab ich es zu oft erlebt, dass die von den Usern gewünschte Anpassung nicht genutzt wurde. Die teuer entwickelten Funktionen wurden deaktiviert, weil man bei der Definition irgendwas vergessen hatte und es deshalb nicht nutzt.

Ich nenne ein Beispiel, dass ich bei einem Kunden vor einigen Jahren erlebt hatte.
Der Kunde wollte eine Auswertung in dem die Kostenarten nicht nur je Kostenstellen ausgedruckt werden, sondern dass mehrere Kostenstellen gruppiert werden können. Der Standard der Software konnte dies problemlos auf dem Bildschirm darstellen. Das reichte jedoch nicht. Der Wunsch des CFO war eine Liste auf Papier. -> Diese wurde erstellt.
Nach einer Personalrotation wollte der neue CFO dieselbe Auswertung nicht mehr auf Papier, sondern neu auf Excel. Ein Jahr später, nach einer weiteren Personalrotation, wollte der wiederum neue CFO die Auswertung als Pivottabelle in der Software.
Dieselben Zahlen. 3 x individualisiert. Obwohl der Standard der Software die Auswertung auch lieferte. Bei Migrationen wurden jeweils alle 3 neuen Varianten überprüft und auf den aktuellen Stand gebracht. Der darauffolgende CFO nutzte dann keine der Möglichkeiten mehr, sondern arbeitete mit dem Standard.

Fazit
Mit Individualisierungen kann man viel Geld verdienen. Sowohl beim Anbieter (Erbringen von Dienstleistungen), wie auch beim User (z.B. durch Wettbewerbsvorteil gegenüber von Mitbewerbern oder durch Effizienzsteigerung). Aber man muss vor der Umsetzung prüfen, ob sich die Umsetzung lohnt.

Was sind Deine Erfahrungen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.